Diagnosen wie ADHS oder Autismus kennen viele Menschen. Auch Hochsensibilität, PDA, LRS, Dyskalkulie, Dyspraxie oder Hochbegabung fallen je nach Definition in dieses Spektrum. Für mich gehören auch FASD und PTBS dazu. Die Begriffe erkläre ich unten.
Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren Nervensystem anders arbeitet als bei sogenannten neurotypischen Menschen – also anders als das, was unsere Gesellschaft derzeit als „normal“ betrachtet.
Das kann sich zum Beispiel darin zeigen, wie du oder dein Kind
- Informationen verarbeitest,
- Reize wahrnimmst (Geräusche, Licht, Berührungen),
- lernst oder dich konzentrierst,
- fühlst und mit anderen Menschen umgehst,
Wichtig: Neurodivergenz ist keine Krankheit und keine offizielle Diagnose. Sie beschreibt neurologische Unterschiede als Teil menschlicher Vielfalt.
Ein Satz bringt es gut auf den Punkt:
„Kennst du einen neurodivergenten Menschen, kennst du genau einen neurodivergenten Menschen.“ (Autorin unbekannt)
Denn die Ausprägungen sind immer individuell. Vieles kann gleichzeitig bestehen.
Schätzungen zufolge gilt etwa eine von fünf Personen als neurodivergent.
Neurodiversität oder Neurodivergenz?
Die Begriffe werden oft verwechselt.
Neurodiversität beschreibt die gesamte Vielfalt menschlicher Gehirne – also uns alle.
Neurodivergenz bezeichnet Menschen, deren neurologisches Profil von der gesellschaftlichen Norm abweicht.
Alle anderen gelten als neurotypisch.
Warum dieses Wissen so wichtig ist
Viele neurodivergente Menschen haben lange versucht, sich anzupassen. Sie haben Strategien entwickelt, um in der Schule, im Job oder im Familienleben zu funktionieren. Bloß nicht auffallen!
Und viele haben Sätze verinnerlicht wie „Ich kann nichts“, „Ich bin komisch“, „Ich bin schuld“ und sprechen alles andere als liebevoll mit sich selbst.
Das kann eine Weile gut gehen. Doch in herausfordernden Zeiten, meist in hormonellen Umbrüchen wie der Pubertät, der Elternschaft oder Wechseljahre, funktionieren diese Strategien oft nicht mehr. Die Fassade bröckelt. Das Selbstwertgefühl ist am Boden.
Doch wenn du verstehst, wie (d)ein einzigartiges Nervensystem arbeitet, verändert sich plötzlich vieles.
Du beginnst:
- dein Verhalten oder das deiner Liebsten zu verstehen,
- (Selbst)Mitgefühl zu entwickeln,
- und dich selbst und andere gezielt zu unterstützen.
Viele erleben diesen Moment als große Erleichterung. Sie sind nicht schuld. Und sie sind wunderbar wertvoll.
Braucht man eine Diagnose?
Nicht unbedingt.
Manche Menschen profitieren sehr von einer offiziellen Diagnose, weil sie Zugang zu Unterstützung wie Therapien, Schulbegleitung oder bestimmten Hilfen, wie Medikamenten, ermöglicht.
Andere brauchen vor allem Verständnis für sich selbst.
Im Coaching geht es nicht darum, eine gründliche Diagnostik oder eine Therapie zu ersetzen. Es geht darum, gemeinsam herauszufinden:
- Wer bist du wirklich?
- Was kostet dich im Alltag besonders viel Energie und warum?
- Und welche Strategien helfen dir persönlich?
Ein neuer Blick auf Unterschiede
Unsere Gesellschaft ist noch stark an einer „Norm“ orientiert – besonders im Schulsystem und in der Arbeitswelt. Für viele neurodivergente Menschen bedeutet das, ständig gegen sich selbst arbeiten zu müssen. Das kostet enorm viel Kraft.
Doch langsam verändert sich der Blick darauf.
Immer mehr Menschen erkennen, dass neurologische Unterschiede kein Defizit, sondern ein Teil menschlicher Vielfalt sind.
Und genau darum geht es letztlich auch im Coaching:
Nicht darum, dich zu „reparieren“, sondern darum zu verstehen, wie du dein Leben so gestalten kannst, dass es wirklich zu dir passt.
Wenn du noch Fragen hast oder Begleitung möchtest, komm gern auf mich zu.
Begriffsklärung
Viele der folgenden „Kategorien“ sind für sich gesehen ein Spektrum und können zudem gleichzeitig da sein – müssen aber nicht. Oft braucht es eine differenzierte Diagnostik, um alles abbilden zu können, was ist.
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung)
ADHS beschreibt ein neurologisches Profil, bei dem Aufmerksamkeit, Impulssteuerung und Aktivitätsregulation anders funktionieren als bei neurotypischen Menschen.
Autismus
Autismus beschreibt eine neurologische Entwicklungsvariante, bei der Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Kommunikation und soziale Interaktion anders organisiert sind.
Hochsensibilität (keine offizielle Diagnose möglich)
Hochsensibilität bezeichnet eine erhöhte Sensibilität des Nervensystems, wodurch Reize intensiver wahrgenommen und verarbeitet werden.
Hochbegabung (keine offizielle Diagnose, aber Intelligenztests möglich)
Hochbegabung beschreibt ein deutlich überdurchschnittliches kognitives Potenzial, das sich häufig in schneller Auffassungsgabe, einem guten Gedächtnis, Neugier und komplexem Denken zeigt – manchmal nur auf einem oder wenigen Gebieten und manchmal bereichsübergreifend.
PDA (Pathological Demand Avoidance / Persistant Drive for Autonomy)
PDA beschreibt ein Profil, bei dem ein starkes Bedürfnis nach Autonomie zu einem intensiven inneren Widerstand gegen wahrgenommene Anforderungen führen kann. Derzeit wird es dem Autismus-Spektrum zugeordnet. Ob es ein eigenständiges Bild ist, wird derzeit diskutiert.
LRS (Lese-Rechtschreib-Schwäche) und Dyslexie
LRS beschreibt eine spezifische Lernbesonderheit, bei der das Lesen und/oder Schreiben trotz normaler oder hoher Intelligenz deutlich schwerer fällt. Während LRS häufiger vorkommt, beschreibt Dyslexie die pathologische Form.
Dyskalkulie (Rechenstörung)
Dyskalkulie bezeichnet die spezifische Schwierigkeit beim Verstehen, Verarbeiten und Verinnerlichen von Zahlen und abstrakten mathematischen Zusammenhängen. Natürliche Zusammenhänge aus der Praxis fallen jedoch in aller Regel leichter. Kann auch bei normaler oder hoher Intelligenz vorkommen.
Dyspraxie (entwicklungsbedingte Koordinationsstörung)
Dyspraxie beschreibt Schwierigkeiten bei der Planung, Koordination und Ausführung von Bewegungen oder komplexen Handlungsabläufen.
FASD (Fetale Alkoholspektrumstörung)
FASD beschreibt neurologische und körperliche Entwicklungsbesonderheiten, die durch Alkoholeinwirkung während der Schwangerschaft entstehen können.
PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung)
PTBS bezeichnet eine Traumafolgestörung, bei der das Nervensystem nach extrem belastenden Erfahrungen dauerhaft in einem erhöhten Alarmzustand bleibt. Wie schnell ein Mensch traumatisiert werden, hängt auch von ihrem Nervensystem ab.
Angststörung
Bei einer Angststörung gerät das natürliche Angstgefühl von außen betrachtet außer Kontrolle. Während normale Angst eine überlebenswichtige Schutzfunktion erfüllt, tritt sie bei einer Störung deutlich häufiger auch in unangemessenen Kontexten auf, ist intensiver und hält länger an. Derzeit ist unklar, ob eine Angststörung genetisch oder epigenetisch weitergegeben wird oder erworben wird. Sicher ist jedoch, dass sie ein häufiges Begleitsymptom von Neurodivergenz darstellt.
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